
Das Gespräch mit Dr. Oliver Jans, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, beleuchtet zentrale Aspekte des Ersten Weltkriegs – von der Frage nach seiner globalen Dimension über die Ursachen...
Das Gespräch mit Dr. Oliver Jans, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, beleuchtet zentrale Aspekte des Ersten Weltkriegs – von der Frage nach seiner globalen Dimension über die Ursachen bis hin zur militärischen Kriegführung.
Zunächst wird der Begriff „Weltkrieg" kritisch hinterfragt. Vor 1914 bezeichnete er einen Krieg zwischen den Weltmächten, wobei man selbstverständlich von europäischen Mächten ausging – eine eurozentrische Perspektive. Die neuere Forschung fragt, ob der Erste Weltkrieg tatsächlich ein globaler Krieg war. Kriterien wie „Krieg auf mindestens zwei Kontinenten mit mindestens fünf Großmächten" erwiesen sich als zu weit gefasst, da sie auch auf den Siebenjährigen Krieg oder die Napoleonischen Kriege zutreffen. Überzeugender ist die Definition, dass sich verschiedene regionale Konflikte zu einem weltweiten Geschehen vernetzen. Dies geschah, als Japan – mit Ambitionen auf China und die deutschen Kolonien im Pazifik – und später das Osmanische Reich eintraten und den Krieg auf Kaukasus, Sinai und die Arabische Halbinsel ausweiteten. In Nord- und Südamerika kam es dagegen kaum zu Landkampfhandlungen, da den Mittelmächten die militärischen Mittel fehlten; der Versuch, Mexiko über das Zimmermann-Telegramm gegen die USA zu mobilisieren, scheiterte und beschleunigte den US-Kriegseintritt 1917. In den Kolonien, besonders in Afrika, wollte Deutschland Kampfhandlungen vermeiden, während Großbritannien und Frankreich die deutschen Kolonien erobern und als Verhandlungsmasse nutzen wollten; die Kongoakte von 1885 wurde von der Entente ignoriert.
Hinsichtlich der Ursachen betont Jans, dass der Krieg nicht unvermeidlich war. Zwar bestand strukturelles Konfliktpotenzial: Die Welt war weitgehend aufgeteilt, wodurch das internationale System zunehmend als Nullsummenspiel wahrgenommen wurde – ein Denken, das Imperialismus und Geopolitik befeuerte. Auch der Nationalismus spielte eine Rolle, doch weniger der Massennationalismus der Großmächte als vielmehr der Nationalismus kleinerer Staaten (Serbien, Italien), der die „Dominosteine" umwarf. Die oft genannten starren Bündnissysteme überzeugen als Ursache nicht, da sie im Kalten Krieg eher stabilisierend wirkten. Deutschland trägt jedoch wesentliche Mitverantwortung: durch den Blankoscheck an Wien, die verhängnisvolle Stellung des Militärs, das in der Julikrise Zeitdruck erzeugte, sowie die russische Rückendeckung für Serbien – doch die Schuld liegt nicht allein bei Deutschland.
Schließlich wird die militärische Kriegführung behandelt. Der Graben- und Stellungskrieg hat sich tief ins Gedächtnis eingebrannt, obwohl an anderen Fronten – etwa in Osteuropa oder in den Kolonien – andere, teils traditionellere Kriegsformen herrschten. Ursache war die Waffenentwicklung der Jahrzehnte vor 1914: leistungsfähigere Artillerie, zielgenauere Gewehre und das Maschinengewehr begünstigten strukturell die Defensive und machten Offensiven nahezu unmöglich – eine Entwicklung, die den Ersten Weltkrieg zu einem besonders zermürbenden und dehumanisierenden Konflikt machte.