
In der 17. Episode des Podcasts „Gears of Progress“ interviewt Gastgeberin Sasha Dr. Rory Cooper, einen herausragenden Professor an der University of Pittsburgh und Gründungsdirektor der Human...
In der 17. Episode des Podcasts „Gears of Progress“ interviewt Gastgeberin Sasha Dr. Rory Cooper, einen herausragenden Professor an der University of Pittsburgh und Gründungsdirektor der Human Engineering Research Laboratories. Cooper, selbst Paralympionike und Träger der National Medal of Technology and Innovation, beschreibt seinen unkonventionellen Weg in die Rehabilitationstechnik. Nach seiner eigenen Verletzung begann er Ingenieurwissenschaften zu studieren und entdeckte das Feld erst während seiner Promotion – aus purer Notwendigkeit, da die damalige Hilfstechnologie unzureichend war. Sein Doktorvater überzeugte ihn schließlich, dass dies ein Berufsweg sein könne, woraufhin Cooper seine Dissertation über die mathematische Modellierung von Rollstuhlrennen schrieb. Dieses interdisziplinäre Projekt, das Steuerungstheorie, Signalverarbeitung und Physiologie verband, legte den Grundstein für seine spätere Arbeit. Aus der Dissertation entstand der „Smart Wheel“, ein Sensor, der die Kräfte zwischen Mensch und Rollstuhl misst. Dies führte zu jahrelanger Forschung über die Ursachen von Überlastungsschäden der oberen Extremitäten bei Rollstuhlnutzern. Das Ergebnis war bahnbrechend: Durch optimierte Körperpositionierung, Krafttraining und bessere Rollstuhlpassform konnte die Inzidenz von Karpaltunnelsyndrom und Rotatorenmanschettenverletzungen von 80 % auf etwa 20 % gesenkt werden, was das Leben von Hunderttausenden verbesserte.
Cooper betont nachdrücklich den Unterschied zwischen Design *für* und Design *mit* Menschen mit Behinderungen. Er beobachtet oft, dass gut gemeinte Projekte scheitern, weil sie nicht die tatsächlichen Bedürfnisse der Zielgruppe berücksichtigen. Häufig würden bestehende Lösungen neu erfunden oder völlig am Problem vorbeientwickelt. Stattdessen plädiert er für einen partizipativen, iterativen Prozess, der Menschen mit Behinderungen von Anfang an einbezieht – von Fokusgruppen über Prototypen bis zur finalen Umsetzung. Die Entwicklung der Rollstuhltechnologie selbst hat sich dramatisch verändert: Gab es früher nur ein Grunddesign, das mit oder ohne Motor ausgestattet wurde, gleicht die heutige Vielfalt fast der von Schuhen. Es gibt hochspezialisierte Rollstühle für den Alltag, Reisen, verschiedene Sportarten (Basketball, Rugby, Tennis) und zunehmend auch für Arbeits- und Bildungszwecke, die es Nutzern ermöglichen, sich auf unterschiedliche Höhenniveaus zu bewegen. Diese technischen Fortschritte haben in Kombination mit baulichen Veränderungen (wie abgesenkten Bordsteinkanten) zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel geführt: Menschen mit Behinderungen werden heute im öffentlichen Raum weitgehend als normale Bürger wahrgenommen, nicht mehr als bemitleidenswerte „arme Menschen“.
Trotz dieser Erfolge weist Cooper auf die enormen globalen Ungleichheiten hin. Während Länder mit hohem BIP wie die USA, westliche EU-Staaten und Japan relativ gute Zugänglichkeit bieten, haben weite Teile der Welt – darunter Afrika, Südamerika und Teile Asiens – weiterhin massive Barrieren. Die WHO schätzt, dass 120–150 Millionen Menschen einen Rollstuhl benötigen, aber nur 30 Millionen Zugang dazu haben. Von rund einer Milliarde Menschen mit Behinderungen weltweit erhält nur etwa ein Fünftel angemessene Unterstützung. Cooper sieht den Schlüssel in der Kombination aus politischen Maßnahmen (wie der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen), ausreichenden Ressourcen und einem gesellschaftlichen Bewusstsein dafür, dass alle Menschen etwas beizutragen haben. Um die Zugänglichkeit seiner eigenen Forschungsergebnisse zu gewährleisten, verfolgt Cooper eine zweigleisige Strategie: Erstens muss die Technologie ein reales Problem lösen, das in enger Zusammenarbeit mit den Nutzern identifiziert wurde. Zweitens müssen objektive Daten generiert werden, die politische Entscheidungsträger und Kostenträger (Versicherungen, staatliche Programme) von der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Hilfsmittel überzeugen. Nur so könne sichergestellt werden, dass Innovationen nicht im Labor bleiben, sondern tatsächlich bei den Menschen ankommen, die sie brauchen.